Abschiedsandacht für die Viertklässler

Am Ende eines jeden Schuljahres versammeln sich normalerweise alle Schüler und Schülerinnen mit ihren Lehrerinnen in der Kirche zu einem Abschlussgottesdienst. Im Rahmen dieses Gottesdienstes werden unsere Viertklässler verabschiedet und auch gesegnet. Aber was ist schon normal gewesen in diesem Schuljahr?

 

Ein großer gemeinsamer Gottesdienst konnte nicht stattfinden, aber wir wollten doch auch nicht so ganz auf diese stimmungsvolle Verabschiedung verzichten. Deshalb haben sich unsere Religions-lehrerinnen Frau Gerner-Glöckner und Frau Steinmeyer etwas Besonderes ausgedacht. Sie haben die Andacht kurzerhand nach draußen unter den freien Himmel verlagert und in zwei Gruppen abgehalten.  

Das Motto der Andacht lautete "Manches darf auch schief laufen" - wie passend für dieses Schuljahr! Und als Symbol für dieses "schiefe Schuljahr" diente den Lehrerinnen der schiefe Turm von Pisa, den natürlich viele Kinder bereits kannten. Andächtig lauschten die Viertklässler der Geschichte des schiefen Turmes von Pisa. Und da die Geschichte auch sehr viel über unsere Zeit beinhaltet, möchten wir sie unseren Lesern nicht vorenthalten:

"Dieser Turm hat eine schiefe Geschichte. Ist er nicht wunderschön? Seine Erbauer haben viel Arbeit und Mühe in diesen Turm gesteckt. Er ist als Glockenturm gedacht und ein wunderbares Bild für die Schulzeit: Lehren und Lernen heißt, sich Arbeit und Mühe zu machen, sich hoch zu arbeiten durch verschiedene Stockwerke, um dann oben angekommen einen Überblick zu haben. Unsere Schule hat so vielfältig begabte Kinder, dass es schön ist, wenn jeder hier seinen eigenen Glockenton zum Klingen brin-gen kann.

Die Erbauer des Turm haben eigentlich gute Arbeit geleistet, doch dann sackte unerwartet das Fundament ab. Ihr könnt das vielleicht jetzt nachempfinden: Lockdown. Abgesackt. Abge-sagt. Kein normaler Unterricht mehr. Abstand zu den Lehrerinnen und Kindern. Alles anders als gedacht und gewohnt. Die Bauleute damals waren erschüttert. Sie ahnten ja noch nicht, dass gerade die Schieflage das Wunder dieses Bauwerkes ausmacht. 

Nun gibt es verschiedene Arten mit Schieflagen, mit Krisen und Brüchen umzugehen. Ein Turm , der schief ist, den muss man abreißen, oder...? Aber darf manches nicht auch einfach schief sein? Eben "nicht perfekt sein"? Und steckt darin nicht oft auch eine verborgene Schönheit? Kleine Klassen, mehr Ruhe, weniger Konflikte, eine andere Art von Nähe. Es muss im Leben nicht alles glatt laufen, kann es gar nicht. Brüche gehören je jedem Leben. In Schieflage geraten erkennt man viel-leicht erst, was im Leben wirklich zählt, wer oder was wirklich wichtig ist. Und manchmal ergeben sich aus dem Schiefen neue Ideen und Möglichkeiten.

Mit welchem Blick schauen wir auf die Dinge? Sorgenvoll? Hoffnungsvoll? Ist diese Zeit vielleicht auch ein Aufbruch in neue Zeiten? Kann sich vielleicht gerade jetzt etwas wandeln in uns, in anderen, in der Welt? Wir leben jetzt, wir lernen jetzt, wir feiern jetzt und wir versuchen das Beste daraus zu machen. Wir hoffen, dass gerade diese Zeiten uns achtsamer, solidarisch und rücksichtsvoll werden lassen!"