Klasse 4b

Klassenleiterin: Fr. Luidl

Die Lücke

„Die Lücke“ war ein viel gebrauchtes Wort am Anfang dieses vierten Schuljahres. Gab es Lücken von der dritten Klasse? Mussten Lücken gefüllt werden? Waren die Lücken groß oder klein? Noch wichtiger: Konnten sie wieder verschwinden?

 

Ich thematisierte „die Lücke“ mit meinen Kindern und siehe da: Sie verstanden dieses Wort in ganz anderer Weise .

 

„Die Lücke ist etwas zum Verstecken.“

„In die Lücke kann man sich reinquetschen.“

„Mit der Zahnlücke wird man ein Schulkind.“

„Ich sause bei uns durch die Lücke zwischen den Häusern durch.“

„Ich hab so eine Lücke zwischen meinem Bett und dem Schrank, da passt genau meine Geheimkiste rein.“

„Auf der Terrasse gibt’s so kleine Lücken zwischen den Brettern, da kann ich Apfelschnitze für den Igel reinstecken.“

 

Hier wird die Lücke zur Verheißung, zur wichtigen Leerstelle, die etwas verbirgt oder offen legt, die einen Zauber hat und nicht verschwinden sollte.

 

Dieser neue Blick auf die Lücke hat mich zu interessieren begonnen. Ich habe auch in der Schule, im Unterricht nach dieser Art Lücken gesucht. Und gefunden.

Die Lücke zwischen Ankommen der Kinder und dem Unterrichtsbeginn.

Die Lücke, die entsteht, wenn ich mit dem Stoff „durch“ bin, aber noch Zeit bleibt.

Die Lücke bei einer nicht zu Ende erzählten Geschichte.

Die Lücke, die entsteht, weil ich das vorbereitete Arbeitsblatt zu Hause vergessen habe.

Die Lücke zwischen den Regalen, die immer wieder verloren Geglaubtes zu Tage fördert.

 

Plötzlich wurden die Lücken von Schreckensszenarien zu Orten, die Raum und  Zeit gaben. Die einluden, sich mit ihnen auf kreative Weise zu befassen. Die bleiben wollten, weil sich so viel in ihnen abspielte. Die ihre ganz eigene Daseinsberechtigung fanden. Die unsere Fantasie anregten. Die uns reicher machten.

 

Leonard Cohen sang schon 1992: „There is a crack in everything, thats how the light gets in“.

Durch alles geht ein Riss, so fällt das Licht hinein.

Die Lücke also, die es hell werden lässt.

 

Auch das fiel den Kindern meiner Klasse auf:  Pflanzen wachsen oft in Lücken,  zwischen Straße und Bürgersteig, zwischen Hausmauer und Pflastersteinen. Lückenleben.

 

Die 4b hat die corona-bedingten stofflichen Lücken erfolgreich geschlossen – alle anderen bleiben offen, mit Absicht!

 

Katharina Luidl, Klassenlehrerin